Preiskalkulation, die zweite

Meine Einstellung ist normalerweise, dass ich nur auf mich gucke. Ich ziehe meinen Bildstil durch und lasse mich da nicht beeinflussen. Aber ich kalkuliere auch meine Preise so, wie ich es für gesund und richtig halte. Und das heißt für mich, dass meine Preiskalkulation so erfolgt, als würde ich von der Fotografie leben müssen.

Eines vor weg: Auch wenn es sich vielleicht an einigen Stellen so liest – Ich möchte mich hier nicht über irgendjemand lustig machen. Ich hoffe eher, dass ich den einen oder anderen Kollegen aufwecke.

Dumping in der Fotografie

Heute früh habe ich meine Anzeige bei eBay-Kleinanzeigen aktualisiert. Als ich damit fertig war, dacht ich, guck doch mal, was die anderen so machen. Ich hätte es lassen sollen …

Natürlich waren wieder welche dabei, die Preise angegeben haben. Das ist nicht meine Philosophie, weil man so kein Angebot auf den Kunden zuschneiden kann. Aber das mag jeder für sich entscheiden.

Aber die Preise, die ich gesehen habe. haben mich echt schockiert. Da werden Hochzeitspakete für 80-90€ Angeboten. Und dafür gibt es dann Trauung, Parr Shooting und Feier mit 50-70 bearbeiteten Bildern.

Analysieren wir das mal

Wenn man eine Hochzeit fotografiert, auch wenn es nur 2-3 Stunden sind, dann ist der Tag gelaufen. Man bekommt an diesem Tag keine Zweite Hochzeit. Die meisten Trauungen sind irgendwie zwischen 11:00 und 13:00 Uhr. Wenn ich um 11:00 Anfange und 3 Stunden mit dem Paar verbringe, ist es 14:00. Da könnte man zwar um 15:00 die nächste machen, aber ich habe noch nie erlebt, dass mich jemand für eine Trauung um 15:00 angeschrieben hat.

Nehmen wir mal die 90€. Davon geht schon mal das Parkticket ab. Ich habe bei meiner letzten Hochzeit in Potsdam 6€ für 4 Stunden bezahlt. Und die 4 Stunden braucht man, schließlich will man ja nicht auf den letzten Drücker am Standesamt ankommen, sondern auf jeden Fall bevor die Braut oder der Bräutigam da sind – also mindestens 30 Minuten vorher. Und nach am Ende will man ja auch nicht losrennen, weil das Ticket abläuft. Bleiben also bei 90€ noch 84€ übrig.

Dann muss man ja auch irgendwie dort hinkommen. Die Tatsächlichen kosten meines Autos (also nicht nur Sprit, sondern auch Steuern, Versicherung, Reparaturen, Wertverlust usw.) liegen bei ca. 30 Cent pro Kilometer. Zum Standesamt und zurück sind es bei mir 25 Kilometer. Da sind wieder 7,50 €. Sind also noch 76,50 € übrig.

Davon gehen Steuern ab. Auch wenn man als Kleinunternehmer keine Umsatzsteuer zahlen muss, so muss man trotzdem Einkommenssteuer bezahlen. Die hängt natürlich vom gesamten zu versteuernden Einkommen ab. Aber trotzdem sind es 20-25 Prozent. Das sind dann zwischen 15,30€ und 19,12€. Nehmen wir mal einen Wert in der Mitte wie zum Beispiel 16,50€. Das rechnet sich schöner, denn dann sind wir bei 60€ Netto.

Ein kompletter Tag mit 60€. Wenn ich einen 8 Stunden Tag rechne, dann sind das 7,50. Von diesen 7,50 willst du deine Miete, Strom, Versicherung und neues Equipment bezahlen? ‚Ja, aber ich habe ja keine 8 Stunden gearbeitet, sondern nur 3‘ – doch hast du. Denn du musst ja noch die Bilder bearbeiten.

0-70 bearbeitete Bilder. Sagen wir 50 Bilder. Bearbeitet heißt nicht, ein bisschen in RAW-Converter die Belichtung korrigiert. Bearbeiten heißt Retusche. Du wirst sicher nicht alle Bilder retuschieren müssen. Insgesamt wirst du auf ca 5-6 Minuten pro Bild kommen. Das sind 0,1 Stunden pro Bild – 50 Bilder – 5 Stunden. Genau – 8 Stunden gearbeitet. Eigentlich sogar mehr, denn du warst ja eine halbe Stunde früher am Standesamt und ein wenig Auto fahren musstest du ja auch noch.

Die Bilder müssen ja auch noch irgendwie zum Kunden. Per Post? USB-Stick, Umschlag und Porto. Und wieder 10 € weg. Oder doch persönliche Übergabe? Fahrtkosten und Parkticket sind auch nicht besser. Da kommen dann noch 3,50 für einen Kaffee hinzu, denn man macht die Übergabe ja nicht an irgendeiner Straßenecke. Diese Kosten müsste ich jetzt eigentlich oben abziehen. Natürlich kann man den USB-Stick und das Porto von der Steuer absetzen. Juhu – 2,16€ wieder in der Kasse.

Aber es wird noch schlimmer

In der Anzeige, die ich für dieses Rechenbeispiel herangezogen habe, wurde als Vorbereitung auch noch ein Treffen mit einem kurzen Probeshooting angeboten. Kostenlos selbstverständlich

Wenn Ihr glaubt, dass ist ein Einzelfall – weit gefehlt. Etwa die Hälfte der Anzeigen hatten Preise und fast alle mit Preisen waren nach diesem oder einem ähnlichen Muster.

Fazit

Vielleicht sollte man die Meisterpflicht bei allen Handwerksberufen wieder einführen. Sicherlich wäre dann mein eigenes Gewerbe auch hinfällig aber die Preise würden sich wieder normalisieren, da Betriebswirtschaft ein Teil der Meisterausbildung ist. Vielleicht muss man ja nicht die Meisterpflicht wieder einführen, sondern bei der Gewerbeanmeldung eine Art Sachkundenachweis für Betriebswirtschaft fordern. Der BWL-Teil der Meisterschule dauert bei Vollzeit ca. 3 Wochen und dieser Teil wird auch einzeln geprüft. Wenn man diesen Kurs einzeln buchen und das Prüfungsergebnis bei der Gewerbeanmeldung vorlegen müsste, wären wir um einiges weiter. Mir geht es dabei weniger darum dieses Dumping zu verhindern, dass Fotografen, die davon leben müssen, die Existenz wegnimmt, sondern viel mehr darum, dass Leute, die von Betriebswirtschaft keine Ahnung haben ein Stück weit auch vor sich selbst beschützt werden.

Wenn jemand so eine Preiskalkulation hat, denkt er, er hätte 90€ verdient. Tatsächlich ist der Verdienst sehr viel kleiner und wenn er nicht aufpasst und z.B. einen sehr edlen USB-Stick mit einer hübschen Schachtel nimmt, zahlt er sogar drauf.

 

Matthias Hosang - Fotografie
keep shooting!